Die Spanier sind bei der Aufarbeitung ihrer Geschichte gespalten. Je länger er her ist, umso mehr erhitzt er offenbar die Gemüter: der spanische Bürgerkrieg mit seinen Opfern auf beiden Seiten.
MADRID: Je länger er her ist, umso mehr erhitzt er offenbar die Gemüter: der spanische Bürgerkrieg mit seinen Opfern auf beiden Seiten. Nachdem im Zuge des neuen Gesetzes „zur historischen Erinnerung“ viele Organisationen die Öffnung der Massengräber fordern, in denen die Hinrichtungsopfer der Francodiktatur verscharrt sind, ist die Debatte darüber heftiger geworden. So fragte die neueste Meinungsforschungsstudie, ob man eine solche Graböffnung mit öffentlichen Geldern finanzieren solle. „Ja“ sagten 59 % der Befragten, aber 41 % waren dagegen. Wer für eine Öffnung der Gräber stimmte, bezog sich in einigen Fällen auf das Beispiel Südamerikas, wo man sich schon vor Jahren daran gemacht hat, die unheilvollen Exzesse der Militärdiktaturen wie in Argentinien und Chile aufzuarbeiten.
Wer gegen die Graböffnung votierte, hatte ebenfalls gute Argumente: es sei nach 70 Jahren nahezu unmöglich, die Knochenreste noch zu identifizieren und völlig unmöglich sei es, festzustellen, aufgrund welches Gerichts-oder Standgerichtsurteils der Mensch damals zu Tode kam. Nun ist es ja auch nicht so, dass nur Francos Militärdiktatur Menschen ums Leben brachte: auf der Seite der Republikaner waren Zwangsverhaftungen mit Todesfolge ebenso an der Tagesordnung. Wenn die ganze Graböffnungsaktion einen Sinn haben sollte, dann könnte es ja nur der sein, eindeutig nachgewiesenes Unrecht wieder gutzumachen, sprich Entschädigungen zu zahlen. Und wer könnte den Wust von Anträgen auf Entschädigung noch wirksam sichten, ordnen und bearbeiten? Katalonien hat ja die Rückgabe der Dokumente von Salamanca, wo alle diese Vorgänge archiviert waren, mit Nachdruck gefordert und damit eine Bearbeitung noch zusätzlich erschwert. Vielleicht sollte man 70 Jahre nach dem Bürgerkrieg, der wie jeder, aber auch wirklich jeder andere Krieg eine Unzahl von Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten mit sich brachte, versuchen, eine neue Seite der Geschichte aufzuschlagen. Es gibt ja auch ein Gesetz zur Wahrung der Totenruhe.
Quelle und weitere Informationen: http://www.comprendes.de/nachrichten/nachrichten-einzelansicht/datum/200...
Thomas Abraham
